Übersetzung1
Übereinkommen Nr. 26 über die Einrichtung von Verfahren zur Festsetzung von Mindestlöhnen
Angenommen in Genf am 16. Juni 19282 Von der Bundesversammlung genehmigt am 27. März 19403 Schweizerische Ratifikationsurkunde hinterlegt am 7. Mai 19474 In Kraft getreten für die Schweiz am 7. Mai 1948 Geändert durch die Übereinkommen Nr. 805 und 1166
(Stand am 21. Mai 2010)
Die Allgemeine Konferenz der Internationalen Arbeitsorganisation, die vom Verwaltungsrate des Internationalen Arbeitsamtes nach Genf einberufen wurde und am 30. Mai 1928 zu ihrer elften Tagung zusammengetreten ist,
hat beschlossen, verschiedene Anträge anzunehmen betreffend Verfahren zur Festsetzung von Mindestlöhnen, eine Frage, die den ersten Gegenstand ihrer Tagesordnung bildet, und dabei bestimmt, dass diese Anträge die Form eines internationalen Übereinkommens erhalten sollen.
Die Konferenz nimmt heute, am 16. Juni 1928, das folgende Übereinkommen an, das als Übereinkommen über Verfahren zur Festsetzung von Mindestlöhnen von 1928 bezeichnet wird, zwecks Ratifikation durch die Mitglieder der Internationalen Arbeitsorganisation, nach den Bestimmungen der Verfassung der Internationalen Arbeitsorganisation7:


Art. 1

1. Jedes Mitglied der Internationalen Arbeitsorganisation, das dieses Übereinkommen ratifiziert, verpflichtet sich, Verfahren einzurichten oder beizubehalten, die es gestatten, Mindestlöhne für die Arbeitnehmer in gewissen Gewerben oder Teilen von Gewerben (insbesondere in der Heimarbeit) festzusetzen, in denen keine wirksamen Einrichtungen zur Festsetzung der Löhne, sei es durch Gesamtarbeitsvertrag oder auf anderem Wege, bestehen und in denen die Löhne aussergewöhnlich niedrig sind8.
2. Im Sinne dieses Übereinkommens bedeutet das Wort «Gewerbe» die weiterverarbeitenden Gewerbe und den Handel.


Art. 2

Jedem Mitgliede, das dieses Übereinkommen ratifiziert, steht es frei, nach Anhörung der Berufsverbände der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer, falls solche Verbände für das betreffende Gewerbe oder den Teil des Gewerbes bestehen, selbst zu entscheiden, auf welche Gewerbe oder Teile von Gewerben und insbesondere auf welche Zweige der Heimarbeit oder auf welche Teile derselben die in Art. 1 vorgesehenen Verfahren zur Festsetzung von Mindestlöhnen angewendet werden sollen9.


Art. 3

1. Jedem Mitgliede, das dieses Übereinkommen ratifiziert, steht es frei, die Verfahren zur Festsetzung von Mindestlöhnen und deren Anwendungsweise selbst zu bestimmen.
2. Hierbei ist folgendes zu beachten:
1. Bevor die Verfahren auf ein Gewerbe oder einen Teil eines Gewerbes angewendet werden, sind die Vertreter der beteiligten Arbeitgeber und Arbeitnehmer - darunter sind auch die Vertreter der etwa bestehenden Berufsverbände zu verstehen - anzuhören sowie nach Ermessen der zuständigen Behörde andere durch ihren Beruf oder ihren Wirkungskreis dazu besonders geeignete Personen.
2. Die beteiligten Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben an der Durchführung der Verfahren teilzunehmen, und zwar in der Form und in dem Masse, wie die Gesetzgebung dies vorsieht, jedenfalls aber in gleicher Zahl und auf dem Fusse der Gleichberechtigung.
3. Die festgesetzten Mindestlöhne haben verbindliche Kraft für die beteiligten Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Sie dürfen von ihnen nicht durch Einzelabmachungen und, ohne allgemeine oder besondere Ermächtigung durch die zuständige Behörde, auch nicht durch Gesamtarbeitsverträge herabgesetzt werden.


Art. 4

1. Jedes Mitglied, das dieses Übereinkommen ratifiziert, hat die erforderlichen Vorkehren zu treffen, um im Wege der Aufsicht und mit Hilfe von Zwangsmassnahmen sicherzustellen, dass die beteiligten Arbeitgeber und Arbeitnehmer Kenntnis von den geltenden Mindestlöhnen erhalten und dass die wirklich gezahlten Löhne nicht niedriger sind als die Mindestlöhne, wo solche gelten10.
2. Jedem Arbeitnehmer, für den die Mindestlohnsätze gelten, der aber einen geringeren Lohn erhalten hat, ist das Recht zu wahren, auf gerichtlichem oder einem anderen gesetzlichen Wege die Zahlung des ihm gebührenden Lohnrestes innerhalb einer von der Gesetzgebung zu bestimmenden Frist zu erwirken.


Art. 5

Jedes Mitglied, das dieses Übereinkommen ratifiziert, verpflichtet sich, dem Internationalen Arbeitsamt alljährlich eine allgemeine Darstellung zu übermitteln, die ein Verzeichnis der Gewerbe oder Teile von Gewerben enthält, in denen die Verfahren zur Festsetzung von Mindestlöhnen Anwendung gefunden haben, und die über die Formen der Anwendung sowie über die Ergebnisse der Verfahren Auskunft gibt. Diese Darstellung soll zusammenfassende Angaben über die ungefähren Zahlen der von der Regelung erfassten Arbeitnehmer, über die festgesetzten Mindestlohnsätze und gegebenenfalls über die sonstigen für die Mindestlohnregelung besonders wichtigen Massnahmen enthalten.


Art. 6

Die förmlichen Ratifikationen dieses Übereinkommens sind gemäss den Bestimmungen der Verfassung der Internationalen Arbeitsorganisation dem Generaldirektor des Internationalen Arbeitsamtes zur Eintragung mitzuteilen.


Art. 7

1. Das Übereinkommen bindet nur diejenigen Mitglieder, deren Ratifikationen beim Internationalen Arbeitsamt eingetragen worden sind.
2. Es tritt zwölf Monate nach dem Zeitpunkt in Kraft, an dem die Ratifikationen zweier Mitglieder der Internationalen Arbeitsorganisation beim Generaldirektor eingetragen worden sind.
3. In der Folge tritt dieses Übereinkommen für jedes Mitglied zwölf Monate nach dem Zeitpunkt in Kraft, an dem seine Ratifikation eingetragen worden ist.


Art. 8

Sobald die Ratifikation zweier Mitglieder der Internationalen Arbeitsorganisation beim Internationalen Arbeitsamt eingetragen sind, teilt der Generaldirektor des Internationalen Arbeitsamtes dies sämtlichen Mitgliedern der Internationalen Arbeitsorganisation mit. Auch gibt er ihnen Kenntnis von der Eintragung der Ratifikationen, die ihm später von anderen Mitgliedern der Organisation mitgeteilt werden.


Art. 9

1. Jedes Mitglied, das dieses Übereinkommen ratifiziert hat, kann es nach Ablauf von zehn Jahren, gerechnet von dem Tag, an dem es zum ersten Mal in Kraft getreten ist, durch Anzeige an den Generaldirektor des Internationalen Arbeitsamtes kündigen. Die Kündigung wird von diesem eingetragen. Ihre Wirkung tritt erst ein Jahr nach der Eintragung beim Internationalen Arbeitsamt ein.
2. Jedes Mitglied, das dieses Übereinkommen ratifiziert hat und innerhalb eines Jahres nach Ablauf des im vorhergehenden Absatze bezeichneten Zeitraumes von zehn Jahren von seinem Kündigungsrecht keinen Gebrauch macht, bleibt für weitere fünf Jahre gebunden und kann hernach das Übereinkommen jeweils nach Ablauf von fünf Jahren unter den in diesem Artikel vorgesehenen Voraussetzungen kündigen.


Art. 1011

Der Verwaltungsrat des Internationalen Arbeitsamtes hat, sooft er es für nötig erachtet, der Allgemeinen Konferenz einen Bericht über die Durchführung dieses Übereinkommens zu erstatten und zu prüfen, ob die Frage seiner gänzlichen oder teilweisen Abänderung auf die Tagesordnung gesetzt werden soll.


Art. 11

Der französische und der englische Wortlaut dieses Übereinkommens sind in gleicher Weise massgebend.
Geltungsbereich am 21. Mai 201012

 

 

 

 

 
Vertragsstaaten
Ratifikation
Nachfolgeerklärung (N)

Inkrafttreten


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Ägypten
10. Mai
1960
10. Mai
1961
Albanien
2. August
2001
2. August
2002
Angola
4. Juni
1976 N
4. Juni
1976
Argentinien
14. März
1950
14. März
1951
Armenien
27. Januar
2006
27. Januar
2007
Australien
9. März
1931
9. März
1932
Bahamas
25. Mai
1976 N
25. Mai
1976
Barbados
8. Mai
1967 N
8. Mai
1967
Belarus
15. September
1993
15. September
1994
Belgien
11. August
1937
11. August
1938
Belize
15. Dezember
1983 N
15. Dezember
1983
Benin
12. Dezember
1960 N
12. Dezember
1960
Bolivien
19. Juli
1954
19. Juli
1955
Brasilien
25. April
1957
25. April
1958
Bulgarien
4. Juni
1935
4. Juni
1936
Burkina Faso
21. November
1960 N
21. November
1960
Burundi
11. März
1963 N
11. März
1963
Chile
31. Mai
1933
31. Mai
1934
China
5. Mai
1930
5. Mai
1931
Macaua
13. Juli
1999
20. Dezember
1999
Costa Rica
16. März
1972
16. März
1973
Côte d’Ivoire
21. November
1960 N
21. November
1960
Deutschland
30. Mai
1929
14. Juni
1930
Dominica
28. Februar
1983 N
28. Februar
1983
Dominikanische Republik
5. Dezember
1956
5. Dezember
1957
Dschibuti
3. August
1978 N
3. August
1978
Ecuador
6. Juli
1954
6. Juli
1955
Fidschi
19. April
1974 N
19. April
1974
Frankreich
18. September
1930
18. September
1931
Französisch Polynesien
19. März
1954
19. März
1954
Neukaledonien
19. März
1954
19. März
1954
St. Pierre und Miquelon
19. März
1954
19. März
1954
Gabun
14. Oktober
1960 N
14. Oktober
1960
Ghana
2. Juli
1959
2. Juli
1960
Grenada
9. Juli
1979 N
9. Juli
1979
Guatemala
4. Mai
1961
4. Mai
1962
Guinea
21. Januar
1959 N
22. Januar
1959
Guinea-Bissau
21. Februar
1977
21. Februar
1977
Guyana
8. Juni
1966 N
8. Juni
1966
Indien
10. Januar
1955
10. Januar
1956
Irak
26. November
1962
26. November
1963
Irland
3. Juni
1930
3. Juni
1931
Italien
9. September
1930
9. September
1931
Jamaika
8. Juli
1963
8. Juli
1964
Japan
29. April
1971
29. April
1972
Kamerun
7. Juni
1960 N
7. Juni
1960
Kanada
25. April
1935
25. April
1936
Kenia
13. Januar
1964 N
13. Januar
1964
Kolumbien
20. Juni
1933
20. Juni
1934
Komoren
23. Oktober
1978 N
23. Oktober
1978
Kongo (Brazzaville)
10. November
1960 N
10. November
1960
Kongo (Kinshasa)
20. September
1960 N
20. September
1960
Korea (Süd-)
27. Dezember
2001
27. Dezember
2002
Kuba
24. Februar
1936
24. Februar
1937
Lesotho
31. Oktober
1966 N
31. Oktober
1966
Libanon
26. Juli
1962
26. Juli
1963
Libyen
27. Mai
1971
27. Mai
1972
Luxemburg
3. März
1958
3. März
1959
Madagaskar
1. November
1960 N
1. November
1960
Malawi
22. März
1965 N
22. März
1965
Mali
22. September
1960 N
22. September
1960
Malta
4. Januar
1965 N
4. Januar
1965
Marokko
14. März
1958
14. März
1959
Mauretanien
20. Juni
1961 N
20. Juni
1961
Mauritius
2. Dezember
1969 N
2. Dezember
1969
Mexiko
12. Mai
1934
12. Mai
1935
Myanmar
21. Mai
1954
21. Mai
1955
Neuseeland
29. März
1938
29. März
1939
Nicaragua
12. April
1934
12. April
1935
Niederlande
10. November
1936
10. November
1937
Niger
27. Februar
1961 N
27. Februar
1961
Nigeria
16. Juni
1961
16. Juni
1962
Norwegen
7. Juli
1933
7. Juli
1934
Österreich
15. März
1974
15. März
1975
Panama
19. Juni
1970
19. Juni
1971
Papua-Neuguinea
1. Mai
1976 N
1. Mai
1976
Paraguay
24. Juni
1964
24. Juni
1965
Peru
4. April
1962
4. April
1963
Portugal
10. November
1959
10. November
1960
Ruanda
18. September
1962 N
18. September
1962
Salomoninseln
6. August
1985 N
6. August
1985
Sambia
2. Dezember
1964 N
2. Dezember
1964
Schweiz
7. Mai
1947
7. Mai
1948
Senegal
4. November
1960 N
4. November
1960
Seychellen
6. Februar
1978 N
6. Februar
1978
Sierra Leone
15. Juni
1961
15. Juni
1962
Simbabwe
16. September
1993
16. September
1994
Slowakei
1. Januar
1993 N
1. Januar
1993
Spanien
8. April
1930
8. April
1931
Sri Lanka
9. Juni
1971
9. Juni
1972
St. Lucia
14. Mai
1980 N
14. Mai
1980
St. Vincent und die Grenadinen
21. Oktober
1998 N
31. Mai
1995
Südafrika
28. Dezember
1932
28. Dezember
1933
Sudan
18. Juni
1957
18. Juni
1958
Swasiland
26. April
1978 N
26. April
1978
Syrien
30. Oktober
1961 N
30. Oktober
1961
Tansania
22. Juni
1964
22. Juni
1964
Togo
7. Juni
1960 N
7. Juni
1960
Tschad
10. November
1960 N
10. November
1960
Tschechische Republik
1. Januar
1993 N
1. Januar
1993
Tunesien
15. Mai
1957
15. Mai
1958
Türkei
29. Januar
1975
29. Januar
1976
Uganda
4. Juni
1963 N
4. Juni
1963
Ungarn
30. Juli
1932
30. Juli
1933
Uruguay
6. Juni
1933
6. Juni
1934
Venezuela
20. November
1944
20. November
1945
Vietnam
14. Juni
1955
14. Juni
1956
Zentralafrikanische Republik
27. Oktober
1960 N
27. Oktober
1960

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
a
Vom 4. Okt. 1999 bis zum 19. Dez. 1999 war das Übereink. auf Grund einer
Ausdehnungserklärung Portugals in Macau anwendbar. Seit dem 20. Dez. 1999 bildet Macau eine Besondere Verwaltungsregion (SAR) der Volksrepublik China. Auf Grund der Chinesischen Erklärung vom 13. Juli 1999 ist das Übereink. seit dem 20. Dez. 1999 auch in der SAR Macau anwendbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


1 Der französische Originaltext findet sich unter der gleichen Nummer in der entsprechenden Ausgabe dieser Sammlung. Die vorliegende deutsche Übersetzung ist zusammen mit dem Internationalen Arbeitsamt festgelegt worden.
2 Das Übereink. wurde von der elften Allgemeinen Arbeitskonferenz angenommen und ist vom Vorsitzenden der Konferenz und vom Generaldirektor des Internationalen Arbeitsamtes unterzeichnet. Die einzelnen Staaten wurden erst verpflichtet mit der Hinterlegung ihrer Ratifikationsurkunde (Art. 7).   Infolge Auflösung des Völkerbundes und Abänderung der Verfassung der Internationalen Arbeitsorganisation wurden gewisse Abänderungen an diesem Übereink. nötig, um die Durchführung der Kanzleiaufgaben, die ursprünglich dem Generalsekretär des Völkerbundes übertragen waren, sicherzustellen. Diese durch das Übereink. vom 9. Okt. 1946 (SR 0.822.719.0) vorgenommenen Abänderungen sind im vorliegenden Text berücksichtigt.
3 AS 63 427
4 Gemäss Genehmigungsbeschluss der BVers hat der BR die Ratifikationsurkunde erst nach Inkrafttreten des BG vom 12. Dez. 1940 über die Heimarbeit [BS 8 229] hinterlegt.
5 SR 0.822.719.0
6 SR 0.822.721.6 Art. 1
7 SR 0.820.1
8 Siehe Art. 4 des BG vom 20. März 1981 über die Heimarbeit (SR 822.31) und die Art. 2-10 der Heimarbeitsverordnung vom 20. Dez. 1982 (SR 822.311).
9 Siehe die Art. 1 und 2 des BG vom 20. März 1981 über die Heimarbeit (SR 822.31) und Art. 5 der Heimarbeitsverordnung vom 20. Dez. 1982 (SR 822.311).
10 Siehe Art. 3 des BG vom 20. März 1981 über die Heimarbeit und Art. 2 der Heimarbeitsverordnung vom 20. Dez. 1982 (SR 822.311).
11 Fassung gemäss Art. 1 des Übereink. Nr. 116 vom 26. Juni 1961, von der BVers genehmigt am 2. Okt. 1962 (AS 1962 1359).
12 AS 1973 1133 1648, 1975 2490, 1982 513, 1985 1772, 1987 1416, 2002 475, 2006 853 und 2010 3261. Eine aktualisierte Fassung des Geltungsbereiches findet sich auf der Internetseite des EDA (http://www.eda.admin.ch/vertraege).

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