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Verordnung des BLV über den Tierschutz beim Schlachten
Anhang 2
(Art. 15)


Elektrobetäubung einzelner Tiere
1 Anforderungen an Anlagen und Geräte
1.1 Elektrobetäubungsgeräte müssen wie folgt ausgestattet sein:
a. mit kalibrierfähigen Messgeräten mit einer Anzeige der effektiven Betäubungsstromstärke und -spannung im Sichtfeld der ausführenden Person;
b. mit einer Anzeige der Stromfrequenz, wenn die Stromfrequenz variabel eingestellt werden kann;
c. ausser bei automatischer Betäubung, mit einem akustischen oder optischen Signal, das der ausführenden Person das Ende der Mindeststromflusszeit anzeigt, und mit einem Signal, das einen fehlerhaften Stromstärkeverlauf anzeigt; die beiden Signale müssen eindeutig unterscheidbar sein;
d. mit der Möglichkeit zum Anschluss externer Messgeräte zur Erfassung der elektrischen Daten während des Betäubungsvorganges.
1.2 Die Elektroden müssen der Tierart und der Grösse der Tiere angepasst sein und über Ansatzflächen verfügen, die frei von Auflagerungen durch Rost, Schmutz oder Geweberesten sind.
1.3 Für Betäubungsgeräte mit variablen Einstellungen müssen Beschreibungen der elektrischen Parameter betreffend Stromform, effektiver Stromstärke (Ampère; A), Stromspannung (Volt; V), Stromfrequenz (Hertz; Hz) und Stromflussdauer (Sekunden; Sek.) der möglichen Programme vorliegen, die die Zuordnung der am Gerät angezeigten Einstellungen zum jeweiligen Programm zulassen.
1.4 Bei automatischen Betäubungsgeräten oder -anlagen mit variablen Einstellungen müssen die folgenden Parameter kontinuierlich aufgezeichnet werden:
a. effektive Stromstärke (A);
b. Stromspannung (V);
c. Stromfrequenz (Hz);
d. Stromflussdauer (Sek.).
1.5 Abweichungen vom vorgegeben Betäubungsverlauf bezüglich effektive Stromstärke, Stromspannung, Stromfrequenz und Stromflussdauer müssen der ausführenden Person angezeigt werden.
2 Elektrodenansatz
2.1 Es sind Vorkehrungen zu treffen, die einen guten Stromkontakt und eine Herabsetzung des Übergangswiderstandes gewährleisten; insbesondere sind die Ansatzstellen der Elektroden von überschüssiger Wolle oder überschüssigem Fell zu befreien und zu befeuchten. Bei Schafen sind Elektroden mit ausreichend langen Spitzen zu verwenden, die die Wolle sicher durchdringen.
2.2 Bei der automatischen Betäubung müssen die Tiere, falls erforderlich, nach ihrer Grösse vorsortiert werden.
2.3 Die Elektroden sind im Bereich zwischen Auge und Ohr so anzusetzen, dass eine erfolgreiche Durchströmung des Gehirns gewährleistet ist (Kopfdurchströmung).
Zangenansatz Kopf Schwein
2.4 Bei Rindern, Schafen und Ziegen kann die Durchströmung des Gehirns anstelle der Kopfdurchströmung nach Ziffer 2.3 durch den Ansatz je einer Elektrode am Kopf und am Rücken erreicht werden (Ganzkörperdurchströmung).
2.5 Wird eine Kopf-Herz-Durchströmung durch Umsetzen der Elektroden herbeigeführt (2-Phasen-Elektrobetäubung), so muss die eine Elektrode am Kopf, die andere im Bereich hinter der anatomischen Lage des Herzes platziert werden.
Zangenansatz Kopf-Herz Schwein
3 Elektrische Durchströmung des Gehirns
3.1 Das Gehirn muss bei der Kopfdurchströmung vor, bei der Ganzkörperdurchströmung gleichzeitig mit dem Körper durchströmt werden.
4 Parameter für die elektrische Durchströmung des Gehirns  bei Säugetieren
4.1 Bei Verwendung von Konstantstrom müssen bei Säugetieren innerhalb der ersten Sekunde bei einer anliegenden Spannung von mindestens 220 V und einer Frequenz von 50 Hz AC folgende minimale effektive Stromstärken erreicht werden:
Tierkategorie
Stromstärke
Rinder bis 200 kg Lebendgewicht
1,3 A
Rinder über 200 kg Lebendgewicht
1,5 A
Schafe, Ziegen
1,0 A
Schweine bis 150 kg Lebendgewicht
1,3 A
Schweine über 150 kg Lebendgewicht
2,0 A
Kaninchen
0,4 A

 

 
4.2 Es gelten folgende Mindestzeiten für den Stromfluss:
a. 8 Sek. bei nicht fixierten Tieren, wenn nicht unmittelbar anschliessend eine Herzdurchströmung erfolgt;
b. 3 Sek. bei nicht fixierten Tieren, wenn unmittelbar anschliessend eine Herzdurchströmung erfolgt;
c. 3 Sek. bei fixierten Tieren, ausser bei der vollautomatischen Elektrobetäubung von Schweinen;
d. 1 Sek. bei der vollautomatischen Betäubung von Schweinen vor Zuschaltung der Herzelektrode und total 3 Sek.
4.3 Zur elektrischen Betäubung dürfen nur sinus- oder rechteckförmige Wechselströme (AC) mit einer Frequenz von 50 Hz eingesetzt werden. Die analoge Wirkung bei Verwendung von Konstantspannung, anderen Stromformen als Sinus- oder Rechteck-Wechselstrom (AC) oder anderen Stromfrequenzen als 50 Hz AC muss durch die Betreiberin des Schlachtbetriebs mit einem Gutachten nach Artikel 24 Absatz 2 einer unabhängigen wissenschaftlichen Fachstelle nachgewiesen werden.
5 Parameter für die elektrische Durchströmung des Gehirns  bei Geflügel
5.1 Bei Verwendung von Konstantstrom muss bei Geflügel innerhalb der ersten Sekunde folgende minimale effektive Stromstärke bei einer Stromfrequenz von 50 Hz AC erreicht und mindestens über die angegebene Dauer gehalten werden:
Tierkategorie
Stromstärke
Dauer
Hühner unter 2 kg Lebendgewicht
100 mA
4 Sek.
Hühner ab 2 kg Lebendgewicht
400 mA
4 Sek.
Truten
400 mA
4 Sek.
Enten, Gänse
600 mA
6 Sek.
Laufvögel
500 mA
4 Sek.

 

 

 
5.2 Bei Verwendung einer konstanten Wechselspannung muss die folgende Spannung eingesetzt sowie innerhalb der ersten Sekunde folgende minimale effektive Stromstärke erreicht und mindestens über die angegebene Dauer gehalten werden:
Tierkategorie
Stromstärke
Spannung
Dauer
Hühner unter 2 kg Lebendgewicht
240 mA
110-120 V
7 Sek.
Hühner ab 2 kg Lebendgewicht
400 mA
180 V
7 Sek.
Truten
400 mA
180 V
7 Sek.
Enten, Gänse
600 mA
180 V
7 Sek.

 

 

 

 
5.3 Die analoge Wirkung von anderen als den in den Ziffern 5.1 und 5.2 angegebenen Parametern muss durch die Betreiberin des Schlachtbetriebs mit einem Gutachten nach Artikel 24 Absatz 2 einer unabhängigen wissenschaftlichen Fachstelle nachgewiesen werden.
6 Auslösen eines funktionellen Herzstillstands durch  Herzdurchströmung
6.1 Erfolgt die Entblutung nicht innerhalb von 20 Sek. nach der Kopfdurchströmung, so muss ein funktioneller Herzstillstand durch elektrische Durchströmung des Herzes hervorgerufen werden.
6.2 Vor der Herzdurchströmung muss eine Kopfdurchströmung während mindestens 3 Sek. erfolgt sein, ausgenommen bei der Ganzkörperdurchströmung und der vollautomatischen Elektrobetäubung von Schweinen.
6.3 Bei der vollautomatischen Betäubung von Schweinen muss eine vorgängige Kopfdurchströmung von mindestens 1 Sek. erfolgt sein.
6.4 Bei Rindern über 200 kg Lebendgewicht, bei Schweinen und bei Stromfrequenzen über 100 Hz ist während oder unmittelbar nach der Kopfdurchströmung eine zusätzliche Herzdurchströmung durchzuführen.
6.5 Die Herzdurchströmung muss mit einem 50-Hz-Sinusstrom und folgenden weiteren Parametern erfolgen:
Tierart / -kategorie
Stromstärke
Stromflussdauer
Zusätzliche Bedingung
a.  Schweine
1 A
4 Sek.
-
b.  Rinder bis 200 kg
1 A
5 Sek.
Kopfdurchströmung aufrechterhalten
c.  Rinder über 200 kg
1,5 A
5 Sek.
Kopfdurchströmung aufrechterhalten
d.  Rinder über 200 kg
2,5 A
15 Sek.
Im Anschluss an Kopfdurchströmung
e.  Hühner
0,24 A
5 Sek.
-

 

 

 

 
7 Leitsymptome zur Kontrolle einer erfolgreichen  Elektrobetäubung bei Kopfdurchströmung
7.1 Bei Säugetieren ist der Betäubungserfolg anhand folgender Leitsymptome zu überprüfen:
a. sofortiges Erstarren und Niederstürzen;
b. tonischer Krampf (anhaltende Muskelkontraktionen von starker Intensität) mit nachfolgender klonischer Phase (rasch aufeinanderfolgende kurzdauernde Zuckungen);
c. Ausfall der Atmung während mehr als 20 Sek.;
d. keine Reaktion auf Setzen eines Schmerzreizes nach dem Abklingen des tonisch-klonischen Krampfes (Ausfall des Nasenscheidewandreflexes);
e. Ausfall des Cornealreflexes nach dem Abklingen des tonisch-klonischen Krampfes;
f. keine Lautäusserungen; und
g. keine gerichteten Bewegungen, keine Aufrichtversuche.
7.2 Bei Geflügel ist der Betäubungserfolg anhand folgender Leitsymptome zu überprüfen:
a. sofortiges Erstarren bei der Durchströmung;
b. tonischer Krampf von mindestens 20 Sek. Dauer mit Beinstreckung, weit geöffneten Augen und Ausfall der Atmung;
c. klonische Phase mit reflexartigen Beinbewegungen und reflexartigem Flügelflattern;
d. Ausfall des Cornealreflexes nach dem Abklingen des tonisch-klonischen Krampfes;
e. keine Lautäusserungen; und
f. keine Aufrichtversuche, keine gerichteten Bewegungen.
8 Leitsymptome zur Kontrolle einer erfolgreichen  Elektrobetäubung mit Auslösung eines funktionellen  Herzstillstands
8.1 Der Betäubungserfolg ist anhand folgender Leitsymptome zu überprüfen:
a. sofortiges Erstarren bei der Durchströmung;
b. Einsetzen eines tonischen Krampfes;
c. Ausfall der Atmung;
d. klonische Phase (rasch aufeinanderfolgende kurzdauernde Zuckungen);
e. keine Reaktion auf Setzen eines Schmerzreizes nach dem Abklingen des tonisch-klonischen Krampfes;
f. Ausfall des Cornealreflexes nach dem Abklingen der tonisch-klonischen Phase; und
g. vollständiges Erschlaffen des gesamten Körpers und maximale Pupillenweitung.
9 Dokumentation und Massnahmen
9.1 Der Betäubungserfolg ist bei Schlachtzahlen von mehr als 10 Tieren pro Tag verteilt über jeden Schlachttag stichprobenweise zu überprüfen. Dabei sind die Leitsymptome einer erfolgreichen Elektrobetäubung unmittelbar vor Beginn der Entblutung zu kontrollieren. Mangelhafte Betäubungen müssen dokumentiert werden.
9.2 Beträgt die Zahl der Tiere mit eindeutigen Symptomen einer mangelhaften Betäubung 1 % oder mehr, so müssen Massnahmen zur Fehlerkorrektur ergriffen werden; die Massnahmen sind zu dokumentieren.
10 Zeitdauer bis zur Entblutung
Bei warmblütigen Tieren muss der Entblutungsschnitt innerhalb von 20 Sek. nach der Elektrobetäubung erfolgen, ausgenommen bei vorgängig ausgelöstem funktionellem Herzstillstand.


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